Konzeptentwicklung 2010 für das SÜD

1. AUSGANGSSITUATION

Das Jugendhaus Süd entwickelte sich seit seiner Eröffnung vor fast 20 Jahren entsprechend den Veränderungen der Lebenswelt von Jugendlichen und den Qualitätssicherungsprozessen innerhalb des Stadtjugendrings kontinuierlich weiter.

Die aktuelle Konzeptfortschreibung "Team Süd" resultiert aus dem Organisationsentwicklungsprozess des (OE) Stadtjugendrings (2006/2007).

In diesem Rahmen wurde festgestellt, dass es keine Sozialraumanalyse für den Sindelfinger Süden gab, die Antworten auf die Frage nach den Interessen Jugendlicher geben konnte. Weiterhin wurde deutlich, dass die räumlichen Ressourcen des Jugendhauses Süd nicht ausgelastet waren und die Politik sich Veränderungen wünschte.

Die daraufhin durchgeführte Sozialraumanalyse 2008 machte u.a. deutlich, dass Jugendliche als Hauptinteresse "Gleichaltrigengeselligkeit in jugendkultureller Inszenierung" samt den geeigneten Räumen als Bedarf formulierten. Hinzu kamen Fragen nach Zukunftsperspektiven bzw. Interesse der Teilhabe und Teilnahme an den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ressourcen.

Die Herausforderung der vorliegenden Konzeptentwicklung 2009/2010 lag darin, diese Interessen entsprechend der heutigen Situation von Mädchen und Jungen, im Rahmen des Arbeitsauftrages der Fachkräfte und der vorhandenen Ressourcen zu übertragen. Dies bedeutete die kritische Überprüfung bisheriger Angebote sowie mit Blick auf die Wünsche Jugendlicher die Entwicklung neuer Angebotsstrukturen.

2. VORGEHENSWEISE

2.1. Handlungsleitende Fragen

Folgende Fragen wurden von den Fachkräften zu Beginn der Konzeptentwicklung in den Blick genommen:

  • Ist der Offene Bereich als Treffpunkt unterschiedlicher Jugendszenen und angesichts der Lage (Industriegebiet) noch zeitgemäß und muss nicht über andere Formen der Begleitung von ca. 1200 Mädchen und Jungen im Sozialraum Süd nachgedacht werden?
  • Initiieren die Fachkräfte ein Veranstaltungsprogramm oder ist das Süd aufgrund seiner Lage nicht vielmehr Treffpunkt für unterschiedliche Jugendkulturszenen mit größtmöglicher Selbstorganisation geeigneter?
  • Sollen die Fachkräfte weiterhin versuchen die vielfältigen Räume mit Werkstätten angebotsorientiert auszulasten oder sollten sie nicht eher die Nutzung offensiv den Mädchen und Jungen in Selbstorganisation überlassen?
  • Welchen Beitrag kann das Süd für die Gestaltung der Bildungslandschaft im Sozialraum für die Mädchen und Jungen leisten?
  • Verstehen sich die Fachkräfte weiterhin als Jugendahausmitarbeiter/innen oder nicht vielmehr als "Team Süd" mit Blick auf die Gesamtheit der Jugendlichen im Sindelfinger Süden.

2.2. Beteiligte

Entlang dieser Fragen wurden unter externer Begleitung von Margit Auer, Dipl. Pädagogin innerhalb eines Jahres mit dem Team Süd (Martina Krojer und Vanessa Pröpper) Arbeitsprinzipien weiterentwickelt und
5 Konzeptbausteine formuliert. Das Projekt wurde in Abstimmung mit der Fachreferentin für Offene Arbeit und den Gremien des Stadtjugendrings entwickelt.

2.3. Arbeitsweise

Die Konzeptentwicklung sollte wie auch schon die Sozialraumanalyse sowohl theoretisch und praktisch angelegt werden. Die jeweiligen Bausteine entwickelten sich aus der Erprobung im Alltag, aus einer "Kultur der Beteiligung", aus der Durchführung von Projekten und Veranstaltungserfahrungen, aus der Freude am Detail, sowie der aktuellen fachtheoretischen Rahmung der "Lebensweltorientierung" bzw. "Sozialraumorientierung". Das Konzept "Team Süd" enthält eine Vielzahl praktischer Arbeitshilfen, konkrete messbarer Zielsetzungen mit entsprechenden Maßnahmeplanungen für die weitere Umsetzung 2010ff in die Praxis.

3. ERGEBNISSE

Als zukünftiges Fundament der Neukonzeptionierung wurden fünf Arbeitsprinzipien entwickelt und damit ein neues Aufgabenfeld konzipiert. Die Herangehensweise ist niedrigschwellig und als wesentliches Erfolgskriterium gilt die Partizipation von Mädchen und Jungen. Der Arbeitsansatz geht entsprechend noch konsequenter weg von einem konflikthaften Betreuungsverständnis hin zur Selbstorganisation der Zielgruppen.

Der Ansatz der Sozialraumorientierung ist handlungsleitend und damit einher geht eine konsequente Veränderung der Rolle und der Perspektive der Fachkräfte. War bisher der Blick mehr auf das Haus und "den Offenen Bereich" zentriert, wendet er sich jetzt über die Einrichtung hinaus in den Sozialraum.

Jugendliche verfügen vor allem am Wochenende über freie Zeitressourcen. Für Mitarbeiter/innen hat das zur Folge, dass ihr Arbeitsansatz sich auf das Wochenende konzentriert. Die Angebote finden schwerpunktmäßig von freitags bis sonntags statt.

Die nachfolgenden Arbeitsprinzipien bilden die Grundlage des professionellen Verständnisses der Fachkräfte und beschreiben was sie "tun und lassen".

3.1. Arbeitsprinzipien

Alltagsorientierung

Mädchen und Jungen unterschiedlicher Lebenslagen (Migration, Bildung, Geschlecht, etc.) sind mit ihren täglichen Befindlichkeiten willkommen. Der respektvolle Umgang mit ihren Alltagsthemen ist Basis des beruflichen Tuns. Das beinhaltet die Niedrigschwelligkeit der Angebote und der Arbeitsmethode sowie der Beteiligungsmöglichkeiten.

Sozialraumorientierung

Die Fachkräfte kennen die Sozialräume der Mädchen und Jungen mittels kreativer Methoden der Sozialraumerkundung und regelmäßiger Präsenz im Sozialraum. Im gesetzlichen Sinne der "Verbesserung der Lebensbedingungen" (SGB VIII, §1, Abs.3) vernetzen und optimieren sie vorhandene Ressourcen für Jugendliche und ermutigen Mädchen und Jungen für ein Engagement in eigener Sache.

Interessensorientierung

Die Fachkräfte sind mittels kreativer Methoden der Interessenserkundung, Gesprächen oder Beobachtungen auf kontinuierlicher Spurensuche nach den Interessen Jugendlicher und begleiten Mädchen und Jungen partnerschaftlich bei der Umsetzung ihrer Interessen.

Partizipation

Es gibt kein Angebot ohne die Beteiligung der Mädchen und Jungen in Form von Veranstaltungsteams, Thekenteams, Initiativen o.ä. Die Fachkräfte fördern darüber hinaus die Beteiligung Jugendlicher in allen sie betreffenden Bereichen.

Herzstück des Konzeptbausteins ist der Perspektivwechsel der Fachkräfte vom "Jugendhausteam" zum "Team Süd". Das heißt die Fachkräfte arbeiten methodisch:

  • jugendzentriert statt einrichtungszentriert
  • partizipativ statt angebotsorientiert
  • fördernd statt bearbeiten
  • vernetzt statt verinselt

3.2. Die folgenden Konzeptbausteine wurden präzise ausgearbeitet:

  • SOZIALRÄUMLICHE JUGENDARBEIT
  • JUGENDKULTUR
  • SCHULE UND BERUFSORIENTIERUNG
  • SINDELFINGEN BRAUCHT DICH

Das Süd ist ob der geographischen Lage und den räumlichen Ressourcen prädestiniert für eine sozialräumliche und sozialraum-bergreifende "Jugendkulturzone" Den Zeitressourcen Jugendlicher entsprechend konzentrieren sich die Veranstaltungen auf das Wochenende und werden von den Jugendlichen mit Unterstützung der pädagogischen Fachkräften organisiert und durchgeführt.

Freitags ist "Partytime" im Süd: Schulparties, Klassenparties, Geburtstagsfeste, öffentliche Parties fr 12-18 jährige Mädchen und Jungen aus dem Sozialraum Süd.

Beteiligung: Die Schul- und Klassenpartys werden von Partyteams der jeweiligen Schule organisiert und gestaltet. Für öffentliche Partys werden Partyteams von den Fachkräften qualifiziert.

Samstags: Konzerte und Events für über 14jährige aus dem Sindelfinger Süden, Sindelfingen und der Region. Eigenveranstaltungen und Veranstaltungsteams. Fremdveranstaltungen in Selbstorganisation. Vermietungen an über 18jährige aus Sindelfingen für Partys und Geburtstage. Vermietungen an über 27jährige für Familienfeste und Geburtstage.

Sozialräumliche Jugendarbeit - Die Mitarbeiter/innen richten ihren Blick von der Einrichtung in den Sozialraum und greifen aktuelle Entwicklungen und Interessen auf. Das Team Süd sieht seine Zuständigkeit schwerpunktmäßig für alle Mädchen und Jungen im Alter von 12 bis 17 Jahren im Sindelfinger Süden. Dies ist vor dem Hintergrund der vorhandenen Ressourcen zu verstehen.

Das Team Süd konzentriert seine Arbeit vor allem auf die Wohngebiete Goldberg (dort leben die meisten Jugendlichen (635) und Viehweide (199) als Ansprechpartner für die Belange der Mädchen und Jungen sowie für die Verbesserung der lokalen Lebens- und Freizeitbedingungen. (Zusammenarbeit Soziale Stadt Viehweide)

Schule und Berufsorientierung - Das Team Süd kooperiert mit Schulen unter Wahrung der eigenen Arbeitsprofile und zum Wohle der Jugendlichen. Schule ist eine zentrale Lebenswelt für Mädchen und Jungen und Berufsorientierung eine zentrale Entwicklungsaufgabe im Jugendalter. Im Zeichen der Pluralisierung von Lebenslagen und Individualisierung von Lebensverhältnissen verschwimmen die Grenzen der Zuständigkeiten von Jugendarbeit, klassischer Jugendhilfe und Schule. Unter Bewahrung der je eigenen Aufgaben und Arbeitsprofile sind Vernetzung und Kooperation unterschiedlicher Träger zum ganzheitlichen Wohl der Jugendlichen gefragt.

In der Praxis werden Themenprojekte mit Schulen aus dem Sozialraum durchgeführt.

Mit Realschulen werden Planspiele mit Videoanalyse zur Berufsorientierung durchgeführt. Auf Nachfrage werden Lernhilfen, bsp. Mathematik in Kooperation durchgeführt.

"Sindelfingen braucht dich" - Das Team Süd ist Motor und Kooperationspartner von Jugendpartizipation in Sindelfingen.

Die Fachkräfte nehmen die gesamtstädtische Partizipation von Mädchen und Jungen verstärkt in den Blick. Im ersten Schritt bedeutete dies die Entwicklung eines Gesamtbeteiligungskonzeptes im SJR und die Klärung der damit verbundenen Aufgaben und Zuständigkeiten. In diesem Rahmen wurden 2009 und werden 2010 Beteiligungsprojekte unter dem Motto "Sindelfingen braucht dich!" durchgeführt.

FAZIT

Die Veränderungen des Rollenverständnisses und der Blick hinaus in den Sozialraum mit lebendigen kreativen Methoden der Interessenserkundung ermöglichen den Mitarbeiter/innen am Puls der Zeit zu sein und ihre Angebote aufgrund der Bedürfnisse und Lebenslagen von Mädchen und Jungs zu organisieren und sie in der Selbstorganisation für ihre Belange in eigener Sache zu fördern.

Die Praxis zeigt, dass die Konzentration der Angebote auf das Wochenende eine hohe Resonanz bei Mädchen und Jungen erfährt. In Sindelfingen gibt es jetzt "den Ort" an dem Jugendliche ihrer jugendkulturellen Selbstinszenierungen mit einem hohen Grad der Selbstorganisation umsetzen können. Die Nachfragen von Schulpartys ist hoch und kann durch ein ausgefeiltes Security- System und Schulung der Jugendteams bisher ohne größere Probleme durchgeführt werden. Am Wochenende finden Veranstaltungen Konzerte und Party unter Beteiligung von 50 bis zu 500 Mädchen und Jungen statt. Das Team achtet auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt und der Polizei. Durch die konsequente Anwendung des Jugendschutzgesetzes und eine intensive Vorplanung sowohl bei selbst organisierten Partys wie auch bei eigenen Veranstaltungen wird intensiv auf die Vermeidung von Suchtmittelmissbrauch hingewiesen.

Die Kompetenzen der Mitarbeiter/innen im Rahmen der Berufsorientierung werden von den Schulen sehr geschützt und die Angebote ermöglichen es, Jugendliche in ihren Wünschen und Einschätzungen der Zukunftsperspektiven zu begleiten.

In Sindelfingen hat das Thema Jugendbeteiligung neuen Schwung bekommen. Die Konzeptentwicklung hat Impulse zur Beteiligung geschaffen, aufgezeigt wie eine strukturelle Verankerung des Themas im Stadtjugendring kontinuierlich verankert sein muss und Kooperationsfäden zum Kinderbüro gezogen.

Die Aufgaben der Mitarbeiter/innen sind nicht kleiner geworden, das Spektrum der Arbeit hat sich geweitet. Eine große Herausforderung in der weiteren Umsetzung besteht in der Vielfältigkeit des Arbeitsansatzes und der vorhandenen Ressourcen, die zu Grenzziehungen zwingen werden.